• Vorsorge und Kontinuität ist langfristig für alle günstiger

Vorsorge und Kontinuität ist langfristig für alle günstiger

15.05.2020 THOMAS AMMANN dipl. Arch. FH, Ressortleiter Energie- und Bautechnik beim HEV Schweiz

Ökologie und Ökonomie – Auch in Zeiten von Corona nehmen Immobilieneigentümer ihre Verantwortung wahr.

Mitte April hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) die neuesten Zahlen zur Treibhausgasstatistik veröffentlicht. Gemäss dieser wurden im Jahr 2018 gesamthaft 14 Prozent weniger treibhausschädliche Gase ausgestossen als 1990. Im Gebäudebereich konnten die Treibhausgase um 34 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden – bei gleichzeitigem Wachstum der Bevölkerung um 25 Prozent. Dieser Rückgang bestätigt den seit rund 15 Jahren anhaltenden Absenktrend im Gebäudebereich unmissverständlich.

Die Grafik zu den Treibhausgasemissionen der einzelnen Bereiche weist die grossen Erfolge des Gebäudebereichs deutlich aus. Die starken jährlichen Schwankungen sind den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen der einzelnen Jahre geschuldet. Mit zunehmendem Ersatz fossiler Heizungen durch Wärmepumpen oder andere erneuerbare Energien werden sich diese Schwankungen künftig legen. 

Es zeigt sich demnach, dass die im Gebäudebereich getroffenen Massnahmen Wirkung zeigen. Wenn das sektorielle Zwischenziel für Gebäude von 2020 mit einer Senkungsquote von 40 Prozent knapp verfehlt wird, geschieht das nicht, weil zu wenig unternommen wurde. Grund dafür ist vielmehr das grosse Bevölkerungswachstum von plus 25 Prozent in den vergangenen Jahren. Würde diese Zunahme miteingerechnet, wäre das Zwischenziel 2020 bereits erreicht. 

Gleichzeitig ist ersichtlich, dass der einst grösste Treibhausgasemittent nun auf gleicher Stufe wie die Industrie steht. Dieser Erfolg wurde durch verantwortungsbewusste Eigentümer ermöglicht und nicht zuletzt – abgesehen von Fördermassnahmen – auch durch Eigentümer und Mieter bezahlt. 

Spannend wird die Entwicklung der Absenkzahlen für das aktuelle Jahr sein. Werden Industrie und Verkehr auch eine markante Senkung der THG aufweisen können? Die letzte deutliche Senkung im Verkehrsbereich geht bezeichnenderweise auf das Jahr 2015 zurück, als aufgrund der Finanzkrise der Euro an Wert verlor und der Tanktourismus in der Schweiz zurückging. Einen aktiven Beitrag an diese Senkung leistete der Verkehrsbereich selbst nicht. 

TREIBHAUSGASAUSSTOSS NACH BEREICHEN

Treibhausgasausstoss nach Bereichen in Millionen Tonnen CO2-Äquivalent seit 1990. Deutlich sind die grossen Erfolge im Gebäudebereich in den letzten 15 Jahren zu erkennen. GRAFIK BAFU / HEV

Umweltschutz dank Gesundheitsschutz?

Sollte für das Jahr 2020 eine markante Senkung im Verkehr und der Industrie abzulesen sein, dann stellt sich die Frage, zu welchen Kosten? Aktuell wird davon ausgegangen, dass der Lockdown die Schweiz 32 Mia. Franken kosten wird. Viel Geld für die Gesundheit und einen nur kurz anhaltenden Absenkpeak beim Treibhausgasausstoss von Industrie und Verkehr. Demgegenüber stehen die rund 12 Mia. Franken, die Immobilieneigentümer alljährlich und kontinuierlich in den Unterhalt und die Erneuerung ihrer Liegenschaften stecken. Investitionen, die den erzielten, konsequent anhaltenden Absenkpfad ermöglichten.

Eine weitere Erkenntnis, die wir aus der aktuell speziellen Situation für den Gebäudebereich ableiten können, ist der Bereich der Vorsorge für jeden einzelnen von uns. So unsicher die Lage bezüglich der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus ist, umso klarer kommt zum Tragen, dass ein gesundes Immunsystem die beste Prävention ist. Genügend Schlaf, gesunde Ernährung, regelmässige Bewegung und das Vermeiden von Stress helfen, im Falle einer Ansteckung bestmöglich vorbereitet zu sein.

Eine solche eigenverantwortliche Vorsorge gilt auch für Gebäude. Ein regelmässiger Unterhalt und die Umsetzung der bestmöglichen Erneuerungsvarianten helfen, den Gebäudepark energetisch optimiert und langlebiger zu gestalten. Eigentümer achten bereits heute darauf, bei der Sanierung des Daches gleichzeitig eine Wärmedämmung vorzusehen oder beim Ersatz der Fenster auf eine 3-fach Isolierverglasung zu setzen. Wenn ein Bauteil angefasst wird, wird dies wenn immer möglich auf dem aktuellsten Stand der Technik erneuert. Auch beim Ersatz der Heizung wechseln immer mehr Liegenschaftseigentümer auf Systeme mit erneuerbaren Energien. Der erfreuliche Absenkpfad bei den Treibhausgasen kommt eben nicht von ungefähr.

Diese vorausschauende Erneuerung ist deshalb besonders wichtig, weil eine neue Heizung oder ein neues Gebäudehüllenbauteil anschliessend wieder 25 bis 40 Jahre in Betrieb ist. Es zeigt sich, dass die Immobilieneigentümer ihre Verantwortung wahrnehmen und den Absenkpfad des Treibhausgasausstosses kontinuierlich vorantreiben. Wie das konkret gehen kann, haben wir in der Ausgabe vom 15. April anhand eines Objektbeispiels in Glattbrugg näher vorgestellt.

Neue Gesetzgebung

Mit dem neuen CO2-Gesetz, das Mitte Juni im Nationalrat behandelt wird, sollen weitreichende neue Vorschriften und Grenzwerte für den Gebäudebereich eingeführt werden. Bereits ab 2023 soll ein CO2-Grenzwert gelten, der für 80 Prozent der Wohnbauten den Ersatz fossiler Heizungen durch ebensolche massiv erschwert, verteuert und teilweise auch verunmöglicht. Auch wenn viele Eigentümer grundsätzlich vorausschauend handeln, ist es nicht immer für alle möglich, umfassende Erneuerungen anzugehen oder erheblich teurere Heizsysteme einzubauen. Hinzu kommt, dass einige Eigentümer kaum unbeschadet aus der immer deutlicher spürbar werdenden Wirtschaftskrise herauskommen werden.

Unter diesen Vorzeichen ist es umso wichtiger, auf eine zu rigide Gesetzgebung zu verzichten und stattdessen auf Anreize und Beratung zu setzen. Vermutlich wird auch die Erneuerung des Baubestandes von der Corona-Pandemie nicht unberührt bleiben. Das ändert jedoch nichts daran, dass der eingeschlagene Absenkpfad der Treibhausgassenkung im Gebäudebereich konsequent weiter beschritten wird. Im Hinblick auf die langfristigen Ziele ist die Erreichung der Ziele nach wie vor möglich – auch ohne drakonische Gesetzesverschärfungen und Abgabenerhöhungen.